Orange-gelb leuchtet ein keulenförmiger Pilz im Grün der Wiese. Nur
wenige Zentimeter ist er groß, fast hätten wir ihn übersehen. Ist es
eine Keule der Familie Clavariaceae, also ein Ständerpilz
(Basidiomycota)? Nein, das kann nicht sein, denn wir sehen die
Öffnungen von dicht unter der Oberfläche liegenden Kammern
(Perithecien), die angefüllt sind mit mikroskopisch kleinen
Sporenschläuchen (Asci). Es handelt sich also um einen Schlauchpilz
(Ascomycota). Vielleicht ist es ein Holzkeulenpilz? Holzkeulenpilze
(Xylariales, Ascomycota) sind jedoch normalerweise schwarz und, wie ihr
Name schon sagt, sie leben auf Holz. Vielleicht wächst unser Pilz auf
im Boden vergrabenem Holz? Wir schauen nach. Mehr oder weniger gut
erkennbar finden wir an der Basis des Stiels im Boden verborgen eine
tote, durch Fäden des Pilzes mumifizierte Schmetterlingspuppe! Wir
haben es mit einem parasitischen Pilz zu tun, der als kleine, Pilzfäden
bildende Spore in lebende Insekten eindringt, die Tiere abtötet und die
Kraftstoffe des Insektenkörpers für die Entwicklung keulenförmiger
Fruchtkörper nutzt. Es handelt sich um die Puppenkernkeule (Cordyceps militaris)!
Die Puppenkernkeule
ist in der gesamten Nordhemisphäre verbreitet und auch bei uns relativ
häufig zu finden, besonders im Herbst. Es ist also keine in ihrem
Bestand gefährdete Art. Wie kommt dieser kleine, Tod bringende Pilz
trotzdem zu der Ehre, „Pilz des Jahres“ zu werden?
Die Puppenkernkeule
zeigt uns, wie wichtig gerade kleine Pilze in unseren Ökosystemen sein
können. Ihre Aufgabe ist eine natürliche Regulierung der
Schmetterlingspopulationen. Als Erreger einer Insektenkrankheit mit
Todesfolge, der als Spore zufällig seine Opfer finden muss, entwickelt
sich die Puppenkernkeule besonders zahlreich, wenn die
Insektenpopulation besonders dicht ist, also gerade wenn eine
Schmetterlingsplage herrscht. Durch die Pilzkrankheit wird die Anzahl
der Insekten schnell reduziert, es gibt weniger Wirte für den Pilz, der
Pilz wird weniger häufig und die Überlebenschancen der Insekten sind
wieder günstiger. So ist für ein natürliches Gleichgewicht zwischen
Insekten und Pilzen gesorgt. Auch für unsere Kulturpflanzen können wir
Pilze zur Bekämpfung von Schadinsekten einsetzen, wofür wir aber nicht
die Puppenkernkeule, sondern nahe verwandte Mikropilze, wie z.B. Beauveria-Arten, nutzen.
Hinweise auf medizinisch interessante Inhaltsstoffe der Cordyceps-Arten liefern uns angeblich Yaks, zottige Rinder in den Hochebenen Tibets, die zur Brunftzeit die Chinesische Kernkeule (Cordyceps sinensis)
ausgraben, fressen und dadurch richtig gut in Fahrt kommen! Für den
Menschen interessante Heilkräfte dieser Pilze sind in chinesischen
Kräuterbüchern dokumentiert, die bis zu 2.000 Jahre alt sind. Cordyceps-Arten
werden nicht nur als Aphrodisiakum empfohlen, sondern auch für die
Stärkung der Lunge, Nieren und Spermienproduktion, gegen Husten,
Erkältung und Blutungen. Kurz gesagt, dienen Cordyceps-Arten, allen voran C. sinensis und C. militaris, der
Stärkung der Lebensenergie „Qi“. Auch Sportler nutzen sie, da sie als
Doping-Mittel nicht verboten sind. Die beste Wirkung zeigen die
mumifizierten Insektenlarven mit ihren keulenförmigen
Pilz-Fruchtkörpern als heißer wässriger Extrakt, also als Tee.
Wissenschaftler
unserer Zeit haben die Inhaltsstoffe analysiert und zahlreiche
Heilwirkungen bestätigt. So wirken unter anderem Polysaccharide
entzündungshemmend, gegen Tumore und Metastasen, stärken das
Immunsystem und helfen bei der Regulierung von Zucker- und Fettwerten
des Blutes. Cordycepin, ein Desoxyadenosin, trägt bei zur Aktivität
gegen Tumore und tötet Bakterien sowie Insekten.
Da die Puppenkernkeule
und verwandte Arten als Medikament heiß begehrt und in der Natur nicht
so häufig zu finden sind, werden Puppen der Seidenspinnerraupe, Bombyx mori,
mit den Pilzen künstlich infiziert. Diese mühsame Kultivierung und die
große Nachfrage aufgrund der wertvollen Eigenschaften führten dazu,
dass insbesondere die Chinesische Keule zu den teuersten Pilzen
weltweit zählt. Seit wenigen Jahren hat man es jedoch geschafft, die Puppenkernkeule im Labor auf Nährmedium heranzuziehen, wodurch die Produktionskosten geringer werden.
Weltweit umfasst die Gattung Cordyceps ungefähr 450 Arten, darunter neben vielen Insektenparasiten auch Pilzparasiten, wie z.B. die Zungen-Kernkeule (Cordyceps ophioglossoides), die auf Hirschtrüffeln (Elaphomyces spp.) lebt. Zur näheren Verwandtschaft zählen zudem Pflanzenparasiten, wie der Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) und der Gras-Kernpilz (Epichloë typhina).
Aufgrund der vielfältigen Inhaltsstoffe, Substrate und Wechselwirkungen
mit Pflanzen, Tieren und anderen Pilzen ist die Erforschung des
Verwandtschaftskreises der Puppenkernkeule, die Clavicipitaceae
in den Hypocreales, für Pilzforscher und Mediziner eine spannende
Aufgabe, die noch viele wertvolle Ergebnisse erwarten lässt!
aus Deutsche Gellschaft für Mykologie (DGfM)